Tarifvertrag in der Ausbildung: Was bedeutet das für die Vergütung?
Wenn wir uns Vergütungen für denselben Beruf aber bei verschiedenen Betrieben angucken, sehen wir oft einen ziemlichen Unterschied zwischen den Gehältern. Teilweise gibt es sogar Abweichungen von mehreren hundert Euro. Häufig liegt es daran, dass ein Unternehmen nach Tarifvertrag bezahlt und das andere nicht. Aber was bedeutet das überhaupt?
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Was ist ein Tarifvertrag?
Ein Tarifvertrag wird zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern bzw. Arbeitgeberverbänden abgeschlossen und regelt die
Arbeitsverhältnisse in der dazugehörigen Branche. Zu diesen Arbeitsverhältnissen zählen z. B. Vergütung, Arbeitszeit,
Urlaub, die verbindlich für alle Beschäftigten geregelt werden.
Die Vertragspartner führen in regelmäßigen Abständen Tarifverhandlungen, um für beide Seiten den besten Kompromiss für
die Arbeitsbedingungen zu schaffen.
Dein Ausbildungsvertrag und der Tarifvertrag sind zwei verschiedene Dinge. Den Ausbildungsvertrag schließt du selbst mit deinem
Betrieb ab, der Tarifvertrag gilt für alle im Betrieb. Dabei steht der Tarifvertrag über deinem Ausbildungsvertrag, außer die
Vereinbarung im Ausbildungsvertrag ist besser.
Kurz zur genaueren Erklärung: steht in deinem Vertrag etwas Schlechteres, gilt immer der Tarif. Steht etwas Besseres drin, gilt das
Bessere - das nennt man Günstigkeitsprinzip. Wenn du laut Tarifvertrag beispielsweise 24 Tage Urlaub hast und in deinem
Ausbildungsvertrag 30 Tage stehen, gelten die 30 Urlaubstage
Ein bekanntes Beispiel ist der Tarifvertrag für Auszubildende des öffentlichen Dienstes (TVAöD). Er gilt für fast alle Azubis bei Behörden, Verwaltungen und Betrieben des Bundes und der Kommunen in Deutschland, z. B. für Verwaltungsfachangestellte/r oder Straßenwärter/in im öffentlichen Dienst.
Welche Arten von Tarifverträgen gibt es?
Nicht jeder Tarifvertrag regelt automatisch das Gleiche: tatsächlich gibt es verschiedene Tarifvertragsarten mit eigenen Definitionen. Die ersten drei Arten unterscheiden sich nach dem Inhalt, die letzten drei danach, für wen sie gelten.
| Arten | Erklärung | Beispiel |
|---|---|---|
| Lohn- und Gehaltstarifvertrag | Mindestlöhne / Grundvergütungen und Ausbildungsvergütungen | TVAöD: regelt, wie viel du als Azubi im öffentlichen Dienst in jedem Ausbildungsjahr bekommst. |
| Manteltarifvertrag | Allgemeine Arbeitsbedingungen, wie Arbeitszeitregelungen, Urlaubsansprüche, Kündigungsfristen und Schichtzulagen | Manteltarifvertrag für den Einzelhandel NRW: legt unter anderem Wochenarbeitszeit und Urlaubstage fest. |
| Rahmentarifvertrag | Lohn- und Gehaltsgruppen | Entgeltrahmenabkommen (ERA) der Metall- und Elektroindustrie: definiert die Entgeltgruppen, in die du nach deiner Ausbildung eingruppiert wirst. |
| Branchen- oder Flächentarifvertrag | Gelten für ganze Wirtschaftszweige / Branchen für alle Unternehmen, die beitreten | TVöD: gilt bundesweit für Bund und Kommunen - vom Rathaus über die Stadtwerke bis zum kommunalen Klinikum. |
| Firmen- oder Haustarifvertrag | Werden zwischen der Gewerkschaft und einzelnen Unternehmen geschlossen Haustarifvertrag der Volkswagen AG mit der IG Metall: eigene Regeln zu Vergütung und Arbeitszeit, die nur für VW gelten. | Haustarifvertrag der Volkswagen AG mit der IG Metall: eigene Regeln zu Vergütung und Arbeitszeit, die nur für VW gelten. |
| Anerkennungstarifvertrag | Wenn in Haustarifverträgen die Inhalte von Flächentarifverträgen übernommen werden | Ein privater Pflegedienst ohne Verbandsmitgliedschaft schließt mit ver.di einen Anerkennungstarifvertrag und zahlt danach nach TVöD-Pflege. |
Was bedeutet außertariflich?
Außertariflich (AT) bedeutet, dass ein Arbeitsverhältnis oder die Bezahlung außerhalb der normalen tariflichen Regelungen liegt, aufgrund einer höheren Verantwortung und schwierigeren Aufgaben. Ein außertariflicher Angestellter erhält eine Vergütung oder andere vertragliche Bedingung, die über der höchsten tariflichen Gruppe liegt.
Was bedeutet übertariflich?
Übertariflich bedeutet, dass dein Arbeitgeber freiwillig mehr bezahlt, als das Minimum im Tarifvertrag vorgibt. Entweder in Form eines höheren Gehalts, festen Zulagen oder durch Sonderprämien.
Gilt der Tarifvertrag auch für dich als Azubi?
In der Theorie gibt es drei Wege, über die ein Tarifvertrag greift:
- Beidseitige Tarifbindung: Dein Arbeitgeber ist Mitglied im Arbeitgeberverband und du Mitglied der zuständigen Gewerkschaft.
- Allgemeinverbindlicherklärung: Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales erklärt einen Tarifvertrag auf Antrag der Tarifparteien auf allgemeinverbindlich. Dann gilt er für alle Betriebe der Branche, auch wenn manche Betriebe keiner Gewerkschaft angehören. Das ist zum Beispiel in der Gebäudereinigung so.
- Bezugnahmeklausel im Ausbildungsvertrag: In deinem Ausbildungsvertrag steht, dass der allgemeine Tarifvertrag auch auf dein Arbeitsverhältnis angewendet wird.
In der Praxis wenden tarifgebundene Unternehmen die tariflich geregelten Bedingungen einfach auf alle Azubis an, egal ob sie Gewerkschaftsmitglieder sind oder nicht. Steht in deinem Ausbildungsvertrag also eine Bezugnahme auf den Tarifvertrag, gilt dieser auch für dich.
Was genau regelt der Tarifvertrag für Auszubildende?
Tarifverträge legen die grundlegenden Arbeitsbedingungen für eine bestimmte Branche oder Berufsgruppe fest und schaffen einheitliche Standards für alle. Zu diesen Bedingungen gehören:
- Höhe der Ausbildungsvergütung je Ausbildungsjahr
- Wochenarbeitszeit
- Urlaubstage pro Jahr
- Sonderzahlungen wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld
- Zuschüsse zu Lernmitteln oder Fahrtkosten, z. B. zu Schulbüchern oder Material
- Regelungen zur Übernahme nach der Ausbildung
- Vermögenswirksame Leistungen
So soll sichergestellt werden, dass Arbeitnehmer gleich fair behandelt werden und niemand unter schlechten Arbeitsbedingungen leidet.
Meistens haben Tarifverträge die besten Bedingungen, die du als Arbeitnehmer haben kannst. Z. B. ein durchschnittlich 11 Prozent höheres Gehalt und einen Anspruch auf Urlaubsgeld, das oft zwischen 30 und 70 Prozent von deinem Gehalt beträgt oder sogar ein ganzes Monatsgehalt umfasst. Je nach Vertrag kommen im Sommer also beispielsweise 300 € bis 1.000 € auf dein Gehalt obendrauf.
Was bedeutet eine Tarif- oder Entgeltgruppe?
Für Tarifverträge werden Arbeitnehmer in die sogenannten Tarif- und Entgeltgruppen aufgeteilt, die bestimmen, wie viel du verdienst. Aufgeteilt
wird nach Tätigkeit und Qualifikation. Mit einem Masterabschluss hast du also eine höhere Gruppe als mit einer abgeschlossenen Ausbildung.
Als Azubi bist du aber noch nicht davon betroffen, weil du nach Ausbildungsjahren bezahlt wirst und nicht nach Entgeltgruppe. Eingeteilt wirst du erst nach deiner Ausbildung.
Tarifvertrag oder Mindestausbildungsvergütung: Was gilt für dich?
- Tarifgebundener Betrieb: Arbeitest du unter einem Tarifvertrag, gelten für dich auch die dort festgehaltenen Vergütungen. Das gilt ebenfalls, wenn die tarifliche Vergütung unter der Mindestvergütung liegt – auch Tarifvorrang genannt.
- Betrieb ohne Tarifbindung: Ohne Tarifvertrag muss sich dein Betrieb an die gesetzliche Mindestausbildungsvergütung nach § 17 BBiG halten, oder bezahlt dir freiwillig mehr.
Achtung! Die Mindestausbildungsvergütung ist nicht das Gleiche wie der Mindestlohn. Als Azubi musst du nicht nach dem Mindestlohn für Fachkräfte bezahlt werden.
Beispiel: Als Verwaltungsfachangestellte/r kannst du sowohl im öffentlichen Dienst
unter einem Tarifvertrag arbeiten als auch in einer privaten Verwaltung ohne.
Im öffentlichen Dienst verdienst du ca. 3.200 € bis 4.000 € brutto und profitierst von geregelten Gehaltssteigerungen und Sonderzahlungen.
In einer privaten Verwaltung hingegen verdienst du eher 2.800 € bis 3.000 € brutto und hast keinen sicheren Anspruch auf Sonderleistungen und Lohnerhöhungen.
Wie findest du heraus, ob dein Ausbildungsbetrieb nach Tarif zahlt?
Am schnellsten erkennst du eine Tarifbindung an Formulierungen wie „Vergütung nach TVöD“ in der Stellenanzeige. Allerdings wirbt nicht jeder Betrieb direkt mit dem Tarifvertrag. Bleibt es unklar, gehst du am besten diese 6 Schritte durch:
Tarifvertragsbindung erkennen - hier kannst du nachschauen
1.
In der Stellenanzeige nachsehen: Formulierungen wie „Vergütung nach TVöD“, „tarifliche Ausbildungsvergütung“ oder „Übertarifliche Bezahlung“ sind eindeutige Hinweise.
2.
Deinen Ausbildungsvertrag überprüfen: Dort steht auch, welcher Tarifvertrag genau für dich gilt.
3.
Auf der Karriereseite des Unternehmens nach Angaben zur Tarifbindung suchen.
4.
Im Vorstellungsgespräch direkt danach fragen: die Frage ist üblich und wird nicht negativ bewertet.
5.
Bei der zuständigen Gewerkschaft oder im Tarifregister des Bundeslandes nachlesen.
6.
Betriebsrat oder die Jugend- und Auszubildendenvertretung ansprechen, wenn sie vorhanden sind.
Tarifliche Ausbildungsvergütung nach Branche
Wie hoch die Ausbildungsvergütung wirklich ausfällt, hängt stark von der Branche des Ausbildungsbetriebs ab, und nicht vom Ausbildungsberuf selbst. Viele Branchen haben eigene Tarifverträge, die die Vergütung regeln. Hier ein Überblick über die wichtigsten Tarifbranchen und dazu passenden Berufe:
| Branche | Typischer Tarifvertrag | Beispielberufe |
|---|---|---|
| Öffentlicher Dienst | TVöD, TVAöD | |
| Länder | TV-L | |
| Einzelhandel | Tarifvertrag für den Einzelhandel (länderspezifisch, z. B. TV Einzelhandel NRW) | |
| Bauhauptgewerbe | Bundesrahmentarifvertrag für das Baugewerbe (BRTV) |
Straßenbauer / Straßenbauerin, |
| Metall- und Elektroindustrie | Tarifvertrag über Ausbildungsvergütungen der Metall- und Elektroindustrie (regional, z. B. NRW, Bayern) |
Industriemechaniker / Industriemechanikerin, |
| Pflege | TVAöD-Pflege bzw. AVR (bei kirchlichen Trägern) | |
| Gastgewerbe | DEHOGA/NGG-Tarifvertrag (länderspezifisch, z. B. Bayern, NRW) |
Hotelfachmann / Hotelfachfrau, Fachmann / Fachfrau für Restaurants und Veranstaltungsgastronomie |
| Banken und Versicherungen/ kaufmännische Berufe | Tarifvertrag für das private Bankgewerbe / Ausbildungsvergütungstarifvertrag Versicherungsgewerbe |
Ausbildung nach TVöD
Der TVöD ist der bundesweit gültige Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst. Zu ihm gehört auch der TVAöD – Tarifvertrag für Auszubildende des öffentlichen Dienstes. Diese beiden Tarifverträge regeln die Vergütung für Fachkräfte und Azubis, die in Deutschland im öffentlichen Dienst arbeiten.
Zum öffentlichen Dienst gehören zum Beispiel folgende Bereiche, Ausbildungen und duale Studiengänge:
| Bereich | Beruf |
|---|---|
| Verwaltung und Behörden: |
Sozialversicherungsfachangestellter / Sozialversicherungsfachangestellte, |
| Sicherheit und Ordnung: | |
| Soziales und Gesundheit: | |
| Technik und Infrastruktur: | |
| Bildung und Wissenschaft: |
Welche Vor- und Nachteile hat ein Tarifvertrag für Azubis?
Vorteile
- Verlässliche und oft höhere Vergütung
- Meist mehr Urlaubstage
- Häufig Sonderzahlungen
- Oft bessere Übernahmechancen
- Schutz vor willkürlichen Benachteiligungen
Nachteile
- Wenig individueller Verhandlungsspielraum
- Feste Gehaltseinstufung unabhängig von besserr Leistung
- Keine Garantie darauf, dass der Betrieb tarifgebunden bleibt
Was bedeutet der Tarifvertrag nach der Ausbildung?
Auch nach deiner Ausbildung hat der Tarifvertrag einen guten Einfluss auf deine Arbeitsverhältnisse. Viele Tarife sehen mindestens eine befristete Übernahme nach der Ausbildung vor, sodass dein Job nach dem Ausbildungsabschluss oft gesichert ist. Und dann?
Du wirst in eine der verschiedenen Entgeltgruppen eingeteilt, die bestimmt, wie viel du verdienst. Mit einer abgeschlossenen Ausbildung steigst du direkt weiter oben ein, und arbeitest dich über die Jahre immer weiter nach oben. Das bedeutet, dass dein Gehalt mit den Jahren in festen Stufen steigen wird.
Der Sprung zwischen deinem Ausbildungsgehalt und deinem Einstiegsgehalt wird relativ groß sein – auch wenn du schon in der Ausbildung sehr gut verdient hast. Als Faustregel wird oft genannt: Das Einstiegsgehalt liegt meist mindestens 30 bis 50 Prozent über der letzten Ausbildungsvergütung.
Häufige Fragen zum Tarifvertrag in der Ausbildung
Wenn in deinem Ausbildungsvertrag eine Bezugnahmeklausel zum Tarifvertrag steht, gilt der Vertrag auch für dich ohne eine Gewerkschaftsmitgliedschaft.
Grundsätzlich solltest du davon ausgehen, dass diese Angabe ein Fehler ist und deinen Betrieb darauf ansprechen. Wenn sich herausstellt, dass der Betrieb sich weigert, dir die tarifliche Vergütung zu zahlen, solltest du dir Hilfe bei deiner zuständigen Kammer holen.
Ja, Tarifverträge können gekündigt werden. Allerdings haben sie offizielle Laufzeiten und Kündigungsfristen, was es erschwert. Und auch wenn ein Betrieb aus dem Tarifvertrag austritt, gelten die Regeln so lange, bis ein anderer Vertrag neue Regeln aufstellt.
Dann werden Tariferhöhungen in deinem Betrieb in Zukunft nicht mehr automatisch übernommen.
Du bekommst nicht immer mehr Geld als Azubis ohne Tarifvertrag, aber die durchschnittliche Vergütung ist mit Tarifvertrag höher als ohne. In beiden Fällen muss dein Gehalt aber von Jahr zu Jahr steigen.
Für dual Studierende greifen oft extra Regeln oder sogar extra Verträge. Beispielsweise gibt es im öffentlichen Dienst Tarifverträge, die nur für dual Studierende gelten.
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während und nach der Ausbildung, sind jedoch kein Ersatz für eine individuelle Rechtsberatung.